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Warnke, Götz: Alkohol statt Essen, Multis statt Bauern, in:
Entwicklungspolitische Korrespondenz, 11. Jg. Hamburg 1980, Heft 3
(Brasilien - Fortschritt ohne Entwicklung), S. 7-12.
Es kann und soll nicht Aufgabe dieses Artikels sein, umfassend über die
brasilianische Landwirtschaft zu informieren, denn solchem Anspruch könnte man
nur einigermaßen in einem Buch gerecht werden. Ich möchte jedoch auf neuere
Projekte und Schwerpunkte eingehen, die sich in den letzten Jahren entwickelt
haben. Entscheidenden Einfluss auf die zukünftige Entwicklung nicht nur der
brasilianischen Landwirtschaft werden
1. die Situation des brasilianischen Nordostens
unter dem besonderen Aspekt des sich noch im Aufbaustadium befindlichen Alkoholprogramms
und
2. die landwirtschaftliche Erschliessung des Amazonasgebietes durch Großunternehmen
haben.
In den letzten Jahren entstand eine für die wirtschaftliche Entwicklung
Brasiliens problematische Situation. Während der Preis für das von Brasilien
importierte Erdöl stark anstieg, fiel der Weltmarktpreis für die Monokulturen
wie Kaffee, Kakao und Zucker, von denen Brasiliens Export und damit die
Gesamtwirtschaft immer noch sehr abhängt, teilweise erheblich. Das brachte nicht
nur ein großes Handelsbilanzdefizit mit sich, sondern auch erhebliche
binnenwirtschaftliche Schwierigkeiten, da die Regierung sich verpflichtet hatte,
landwirtschaftliche Produkte zu einem bestimmten Preis aufzukaufen. Dieses wirkte
sich besonders negativ beim Zucker aus, wo sich die Produktionskosten auf
600 Cruzeiros/Tonne (Crs./t.) beliefen, während der Erlös nur 400 Crs./t. erbrachte
(1979). Hart davon betroffen sind die Zuckeranbaugebiete im Nordosten um die
Städte Belem, Recife und Salvador de Bahia, die sowieso schon wirtschaftlich und
infrastrukturell unterentwickelt sind, und wo heute keine der großen Zuckerrohrfarmen
mehr mit Gewinn arbeitet. Schwer wiegt auch, dass die Uzinas, d. h. die Betriebe,
die Zuckerrohr zu Zucker verarbeiten, während des großen Zuckerbooms 1967 mit Krediten
modernisiert und ausgebaut wurden, die heute teilweise noch nicht zurückgezahlt sind.
Außerdem sind die Kapazitäten für den augenblicklichen Bedarf erheblich zu groß.
Was lag also für die Regierung näher, als gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe
zu schlagen und sowohl die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren, wie den maroden
Zuckerrohranbauern- und verarbeitern zu helfen, indem man Zuckerrohr in Alkohol
umwandelte. Alkohol lässt sich nämlich als Ersatz für Auto-Benzin verwenden. Die
großtechnische Herstellung von Alkohol aus sämtlichen Stärke oder Zucker produzierenden
Pflanzen ist seit langem bekannt und man kann zudem auch andere Gewächse wie z.B.
Mais, Kassawa oder Zuckerrüben dafür verwenden, wenngleich das Zuckerrohr besonders
wirtschaftlich ist.
Auch beim Einsatz im Kraftfahrzeug scheint es keine besonderen Schwierigkeiten zu
geben. So hat der größte Kraftfahrzeugproduzent Brasiliens, das VW-Werk in San
Bernardo do Campo bei Sao Paulo im September 1979 einen VW-Passat mit Alkohol-Motor
in Serie gehen lassen. Dieser unterscheidet sich vom normalen Serienmotor nur geringfügig.
Veränderungen wurden an Ansaugstutzen, Vergaser, Kraftstoffpumpe, Zuführungsleitungen
und Kraftstofftank vorgenommen, jedoch hauptsächlich, um herkömmliche Kunststoffe
durch neue zu ersetzen, die nicht von der im Alkohol enthaltenen Säure angefressen
werden. Außerdem musste im Motorraum ein kleiner Zusatzbenzintank eingebaut werden,
um die durch den hohen Siedepunkt von Alkohol (78 Grad C) bedingten Kaltstart-Schwierigkeiten
zu beheben. Die ersten Einheiten dieser neuen Alkoholfahrzeuge werden nur an
Behörden ausgeliefert, bis ein ausreichendes Tankstellennetz für die Abgabe des
Alkohols vorhanden ist. Doch damit scheint man bald zu rechnen. Denn schon im
September 1979 kam es zu einem Abkommen zwischen der brasilianischen Regierung
und den Autoherstellern, worin letztere sich verpflichteten, 1980 250.000, 1981
300.000 und 1982 350.000 Alkohol-Autos herzustellen. Außerdem will die Regierung
bis 1985 10,7 Millionen Kubikmeter Alkohol herstellen lassen. Auf die schwer
angeschlagenen Zuckerrohrhersteller und -verarbeiter scheint von Regierungsseite
eine bedeutende finanzielle Unterstützung zu zukommen. "Der Alkohol ist und wird
ein Alternativkraftstoff sein, und stellt übrigens die einzige kurz- und mittelfristig
durchführbare und interessante Lösung dar, besonders für ein Land, das über
genügend Fläche und Sonne verfügt, um seinen Förderung im Energiebereich zu decken."
Dieses Zitat des VW-do-Brasil-Chefs Wolfgang Sauer scheint die Meinung der Regierung
in Brasilia und der brasilianischen Wirtschaft wohl am besten wiederzugeben.
Wie kommt es aber dann, dass so viele Landwirtschaftsexperten, besonders die in
den Bundesstaaten "an vorderster Front stehen", von dem Projekt wenig hatten
oder es total ablehnen? Besonders im Landwirtschaftsministerium von Pernambuco
in Recife ist man von der geplanten Übergewichtung der Alkoholerzeugung in der
Landwirtschaft wenig begeistert. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: In dem
feucht-heißen Küstenstreifen werden bereits heute 80 bis 90 Prozent der
landwirtschaftlich verwertbaren Fläche für den Zuckerrohranbau genutzt. Sollte
die Alkoholproduktion gesteigert werden, so müsste selbst dieser Flächenanteil
noch einmal erheblich erhöht werden. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein
totaler Ersatz des importierten Erdöls unmöglich ist, da dann die Zuckerrohranbaufläche
rund 300.000 Quadratkilometer betragen müsste. Ferner hat die großtechnische
Alkoholerzeugung und -verwendung noch eine Reihe von Vorbedingungen und Konsequenzen,
die entweder schwer erfüllbar sind, oder deren Durchführung verheerend für die
Bevölkerung wäre. So müsste z.B. der Zuckerrohranbau und die Verarbeitung in der
Nähe der großen Städte d. H. stattfinden, da die Transportwege innerhalb des
Bundesstaates sehr schlecht sind und der Transport von landwirtschaftlichen Gütern
auf Grund des schlechten Eisenbahnnetzes schon heute zu 90 Prozent über Lkws
abgewickelt wird, was natürlich besonders energieintensiv ist. Ferner kommt nur
sehr fruchtbares Land für den Anbau in Frage und selbst dann wird man auf längere
Sicht entweder Düngemittel verwenden oder die Anbauflächen wechseln müssen, da
Zuckerrohr wie kaum eine andere Pflanze den Boden ungeheuer auslaugt. Während
z.B. auf Hawai, wo erst seit einigen Jahrzehnten Zuckerrohranbau betrieben wird,
der Ertrag mit Düngung noch bei ungefähr 180 bis 200 t/ha liegt, ist der Ertrag
im Gebiet von Recife, wo Zuckerrohr schon erheblich länger angebaut wird, auf
50 t/ha gesunken, Um zu verhindern, dass das Zuckerrohr bei schlechter Witterung
nicht schnell genug geerntet werden kann und auf den Feldern verkommt, müssten die
Böden maschinell bearbeitbar sein. Das ist auch der Grund, weshalb die brasilianische
Bundesregierung schon heute die Zuckerrohrproduzenten im Bundesstaat Sao Paulo
bevorzugt.
Die Folgen, die sich daraus für breite Bevölkerungskreise ergeben, sind
erschreckend. Um nicht ihre verfehlte Industrialisierungs- und Verkehrspolitik,
die hauptsächlich auf das Auto ausgerichtet ist, korrigieren zu müssen und zu Gunsten
einer verhältnismäßig kleinen Mittel- und Oberschicht, die sich einen PKW leisten
können, nimmt die Regierung in Kauf, dass die Anbaufläche für Nahrungspflanzen und
Viehzucht weiter schrumpft, dass somit die Lebensmittelpreise weiter steigen und
dadurch die Situation vieler Hungernder und Verhungernder in den Elendsvierteln
der großen Städte sich in einem unverantwortlichen Maße verschlechtert. Aber auch
große Teile der Landbevölkerung werden von dieser Politik betroffen. Von den
Arbeiterfamilien, die ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft bestreiten,
sind im brasilianischen Durchschnitt 14,5 % Tagelöhner, 54 % leben zeitweise vom
Tagelohn, 4,5 % sind Pächter, 4,5 % arbeiten auf freiem Land, das ihnen zwar nicht
gehört, wofür sie aber auch keine Abgaben zahlen müssen. Weitere 22,5 Prozent
besitzen sog. Minifundien, d.h. Kleinstbetriebe, die oft gerade ausreichen, die
8- bis 14-köpfigen Familien zu ernähren. Im Nordosten sind immerhin 57 % der
arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt und erzeugen rund 31 %
des Bruttoinlandsproduktes. Viele der Tagelöhner in diesem Gebiet, das nach Ansicht
von UN-Vertretern zu den ärmsten Gebieten und somit zur sog. "Vierten Weit" zu
rechnen ist, sind nicht in der Lage, ihre Familien zu ernähren. Nur während der
Zuckerrohrsaison, die sechs Monate im Jahr dauert, finden sie Beschäftigung und
erhalten häufig selbst dann nur 14 bis 25 % des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohnes.
Die gesundheitlichen Bedingungen dieser Bevölkerungsgruppe sind fatal. In der
Zuckerrohrsaison sind die auch sonst schon erheblich verschmutzten Flüsse, in denen
die Familien ihre Wäsche waschen und auch häufig ihr Trinkwasser holen, durch Abfälle
der Uzinas total verdreckt. Immerhin hält sich nur eine von 29 Uzinen in Pernambuco
an die nach unseren Maßstäben lächerlich geringen Umweltschutzvorschriften. Die
Menschen auf dem Lande leben häufig in Hütten aus Brettern, Lehm, Schilf oder
Wellblech, in denen kein deutscher Ruder- oder Segelclub auch nur eines seiner
Boote unterstellen würde. In diesem Gebiet, in dem rund ein Drittel der
brasilianischen Bevölkerung lebt, sind um die 75 Prozent Analphabeten, was
angesichts der Situation der Kinder, die in der Regel zum Lebensunterhalt ihrer
Familie beitragen müssen, auch kaum verwundern dürfte. - Man kann davon ausgehen,
dass ein Großteil der Subventionen und Kredite, die die Zuckerrohranbauer im Zuge
des Alkoholprogramms zur Vergrößerung der Anbauflächen von der Regierung erhalten
werden, einerseits dazu benutzt werden, die Landwirtschaft zu mechanisieren und
dadurch vielen Tagelöhnern auch die letzten Verdienstmöglichkeiten zu nehmen,
andererseits aber auch, um Pächter wirtschaftlich zu ruinieren und von ihrem Land
zu vertreiben und ebenso Kleinbauern zu zwingen, ihr Land zu Spottpreisen zu
verkaufen, wie das im Rahmen des Staudammbaus von Sobradinho schon geschehen ist.
Dies wäre der Abschluss einer Entwicklung, die vom traditionellen Großgrundbesitz
mit einem Herr-Knecht-Verhältnis zur überdimensionalen Agroindustrie geht.
Welche Möglichkeiten verbleiben nun, um das geschilderte Projekt und die damit
verbundenen Folgen zu vermeiden? Im Landwirtschaftsministerium von Pernambuco
sondiert man schon seit langem alternative Möglichkeiten, wobei man an den
konservativen Landwirtschaftsstrukturen festhält und sich vielfach am Großgrundbesitz
orientiert. So möchte das Ministerium möglichst viele Zuckerrohrpflanzer dazu bringen,
auf ihrem Land Gummibäume anzupflanzen, da Brasilien, einst Ursprungsland des
Gummis und größter Produzent der Welt, heute Gummi importieren muss. Ein solcher
Fruchtwechsel hatte auch für die Landarbeiter einen Vorteil, da Gummiplantagen
im Gegensatz zu Zuckerrohr 12 Monate im Jahr Pflege brauchen. Bis eine Gummiplantage
allerdings Profit abwirft, dauert es 6 Jahre. Sollten nach drei Jahren sich die
angepflanzten Bäume als gut und schädlingsfrei erweisen, so erhält der Bauer
einen Kredit. Zu diesen längerfristigen Investitionen sind aber selbstverständlich
nur wohlhabende Grundbesitzer in der Lage. Doch das scheint das Landwirtschaftsministerium
nicht zu stören, denn mir wurde gesagt: "Wer 400 Jahre gewartet hat, kann auch
drei Jahre überbrücken".
In den feuchten Gebieten nahe der Küste fangen Bauern
jetzt häufig schon von alleine an, Kakao anzupflanzen. Auch dieses wird vom
Landwirtschaftsministerium unterstützt, da man der Ansicht ist, künftig Kakao zu
einem guten Preis exportieren zu können. In der sogenannten Zone 2, von der Küste
ungefähr 90 bis 200 km im Landesinneren, möchte man die Nahrungsmittelproduktion
ankurbeln, damit man endlich von Nahrungsmittelimporten, z.B. aus Sao Paulo,
unabhängig wird. Der Zuckerrohranbau für die Alkoholproduktion soll nur in geringem
Maße ausgeweitet werden, und zwar unter dem Aspekt "Der Alkohol aus Pernambuco
soll in die chemische Industrie und nicht in die Kraftfahrzeuge!" Im
landwirtschaftlichen Bereich ist nach Zuckerrohr- und Kaffeeanbau die Geflügelzucht
immer noch einer der wichtigsten Faktoren. Diese Geflügelfarmen liegen wegen der
Transportschwierigkeiten und der hohen Transportkosten, die rund 3o Prozent der
Endkosten des Produktes ausmachen, dicht an ihren Absatzmärkten, den großen
Städten. Da als Futter für die Hühner in diesen Geflügelfarmen Mais in großen
Mengen verwandt wird, der gleichzeitig der armen Bevölkerung als menschliches
Nahrungsmittel dient, kommt es häufig zu Versorgungsschwierigkeiten und zu hohen
Maispreisen. Dem hofft das Landwirtschaftsministerium in Recife durch Aufforderung
der Bauern zu verstärktem Maisanbau entgegen zu wirken. Aber nicht nur die Behörden
machen sich Sorgen um die Zukunft. Auch an der Universität von Recife werden
Alternativen für eine effektivere und ausgewogenere Landwirtschaft entwickelt.
So läuft z.B. bereits seit sieben Jahren ein Rinderzuchtexperiment mit gutem
Erfolg. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Rinder bei intensiver Pflege auf
gleichem Boden die gleichen Erträge wie Zuckerrohr erbringen. Ein Experiment mit
Wasserbüffein befindet sich noch im Anfangsstadium. Die Viehzucht erscheint als
besonders wichtig, da Pernambuco bis heute nicht in der Lage ist, genug Fleisch
für den Eigenbedarf zu erzeugen, und dieses aus den Bundesstaaten Minas Gerais,
Bahia, Piaui und Marenion importieren muss. Zwar werden auch die Fleischpreise
durch die Regierung festgesetzt, allerdings unter Berücksichtigung der
Transportkosten, die erheblich über 30 Prozent des Endpreises ausmachen. So
erweist es sich vielfach als gewinnbringender, Fleisch nach Übersee, z.B. nach
Afrika zu exportieren. Auf einer Versuchsanstalt im Landesinneren, 360 km von
Recife entfernt, pflanzt man Sorghum vulgare an, das den Mais als Tierfutter
ersetzen soll, um den Mais als Nahrungsmittel für die Bevölkerung verwenden zu
können. Ferner versucht man auf den Plantagen der Universität Recife, Pflanzungen
ohne die Anwendung von Gift und Chemikalien zu betreiben und mit natürlicher
Düngung auszukommen. Auf einer Station, die ungefähr 300 ha an Trockengebieten
umfasst, läuft ein Projekt, dessen Ziel es ist, Schädlinge 'mit Gegenschädlingen
zu bekämpfen. Das bekommt besonderes Gewicht, wenn man weiß, dass die Landwirte
im Umgang mit Chemikalien sehr großzügig sind und oft zehn mal soviel Gift auf
ihre Felder spritzen, wie notwendig wäre. Aber alle Versuche von Behörden und
Universitäten sind auf Dauer zum Scheitern verurteilt, wenn nicht das grundsätzliche
Übel der brasilianischen Landwirtschaft, die kleine Zahl ungeheuer reicher
Großgrundbesitzer auf der einen und die Masse der verarmten Kleinbauern und
Landarbeiter auf der anderen Seite, in absehbarer Zeit behoben wird. Dagegen
sprechen jedoch alle Anzeichen, und es sieht eher so aus, als würde sich die
bisherige Entwicklung fortsetzen.
Und hiermit wären wir auch beim zweiten Teil
dieses Berichts, den Großprojekten im Amazonasgebiet. Im Zuge der Kolonialisierung
des Landesinneren, die Ende der 195oer - Anfang der 1960er Jahre begann, wurde
nicht nur die neue Hauptstadt Brasilia, sondern auch das 'Nationale Institut für
Kolonisation und Agrarreform (INGRA)' gegründet, dessen Aufgabe es war, die
Erschließung neuer Gebiete im Landesinneren, speziell in der Amazonasregion, zu
fördern. Um dieses Ziel zu erreichen und gleichzeitig die agronomischen
Schwierigkeiten des brasilianischen Nordostens zu beheben, wurden zwei Pläne
konzipiert. Der erste, der "Plan der Nationalen Integration (PIN)", sah die
Errichtung von Straßen vor, die den Nordosten mit dem Amazonasgebiet verbinden
sollten (Transamazonika). Gleichzeitig sollte das Einzugsgebiet dieser Straßen
erschlossen, parzelliert und an Kleinbauern vergeben werden. Man wollte so aus
dem überbevölkerten Nordosten die Menschen in ein Gebiet bringen, wo es Land noch
in ausreichendem Maße gab. Der zweite Plan, "PROTERRA" genannt, sollte die
Durchführung des Projektes im Einzelnen regeln, für neue Arbeitsplätze sorgen und
die Versorgung der Neusiedler mit Saatgut und allen anderen zum Auf- bau von
landwirtschaftlichen Betrieben notwendigen Dingen sicherstellen. Selbst
Teilenteignungen gegen Entschädigungen wären möglich gewesen. Für das Projekt,
das bis 1975 laufen sollte und bei dessen Durchführung rund 100.000 Familien
umgesiedelt werden sollten, waren anfangs 2 Mrd. Cruzeiros vorgesehen. Aber
diese Pläne wurden nur zu einem ganz geringen Prozentsatz durchgeführt. Von 1964
an wurden insgesamt nur knapp über 10.000 Familien umgesiedelt. Denn wie so viele
gut gemeinte Ansätze in der brasilianischen Politik verkehrte sich auch dieses
Projekt ins Gegenteil. War anfangs vorgesehen, den Bauern Landstücke von jeweils
100 Hektar zukommen zu lassen, wurden nun Parzellen von mehreren 1.000 Hektar
verteilt. Diese waren selbstverständlich für Kleinbauernfamilien unmöglich zu
bewirtschaften, was zur Folge hatte, dass wieder der Großgrundbesitz davon
profitierte. Auch die Finanzierung und die Kreditvergabe wurde ganz auf den
Großgrundbesitz abgestellt. Die Kredite wurden von den Landbesitzern zum Aufbau
einer arbeitsextensiven Agroindustrie verwandt. Diese Entwicklung wurde noch
dadurch verstärkt, dass sich die Kreditaufnahme als wirtschaftlich sehr vorteilhaft
erwies, da die jährliche Zinsrate erheblich unter der Inflationsrate lag. Die
finanzielle und technische Unterstützung der Kleinbauern war hingegen gering, eine
Kreditaufnahme für sie häufig unmöglich, da sie vielfach ihre Landwirtschaft nur
für den Eigenbedarf betrieben und so nicht in der Lage waren, Kredite aufzunehmen.
Hinzu kam, dass die medizinische Versorgung schlecht und die Siedlungen in der
Regenzeit häufig durch die Unpassierbarkeit der Straßen von der Außenwelt abgeschnitten
waren. So ist es verständlich, dass viele Bauern aufgaben und in die Bevölkerungszentren
im Nordosten oder Süden zurückkehrten. Gleichzeitig aber setzte ein immer stärkerer
Drang von Großunternehmen, speziell auch ausländischen Multis, in die Amazonasregion
ein.
Um zu verstehen, was das für dieses Gebiet, speziell für sein kompliziertes,
das Klima der gesamten Erde beeinflussendes Ökosystem bedeutet, muss man diese
Region genauer betrachten. Das Amazonasgebiet umfasst rund 5 Millionen
Quadratkilometer, das sind 6o Prozent des brasilianischen Staatsgebietes, 27 %
Südamerikas und rund 3,5 % der gesamten Landmasse dieser Erde. Es ist das größte
zusammenhängende Waldgebiet auf unserem Planeten. Die Mindesttemperatur dieses
Gebietes beträgt rund 25 Grad C und trotz Niederschlägen von 1600 Millimetern
beträgt die jährliche Sonnenscheindauer im Durchschnitt 1800 bis 2600 Stunden.
Es gibt elf unterschiedliche Bodenqualitäten, deren beste die so genannte Rote
Erde ist. Das Hauptproblem bei der landwirtschaftlichen Erschließung dieser
Region ist, dass trotz der ungeheuren Artenvielfalt der Flora dieses Gebietes
die nährstoffreiche Bodenschicht nur verhältnismäßig dünn ist, und zwar im größten
Teil dieses Gebietes. Wird der Regenwald gerodet, so spülen die oft sintflutartigen
Mittags-Niederschläge die Humusschicht fort und lassen die darunter liegende
Lehmschicht zutage treten. Das macht das Aufleben einer neuen Vegetation unmöglich.
Ohne Vegetation freilich würde dieses Gebiet jedoch seine Funktion als ein für
unseren Planeten wichtiger Wasserspeicher verlieren. Deshalb müssen alle Großprojekte
in dieser Region mit besonderer Skepsis betrachtet werden.
Nun tut sich gerade aber ein deutsches Unternehmen bei der landwirtschaftlichen
Nutzung dieses Gebietes besonders hervor. Seit Dezember 1973 besitzt die
Compania Vale do Rio Cristalino, die zu 80 % dem Volkswagenwerk do Brasil und
zu 20 % einer brasilianischen Aktionärsgruppe gehört, 140.000 ha im Südwesten des
Staates Para. Die Hälfte dieses Gebietes soll in Weideland um- gewandelt werden,
wo man bis 1985 rund 110.000 Nelore-Rinder aufziehen will, bei einer Abschlachtquote
von 27.000 Stück pro Jahr. Auf dem anderen Teil des Landes soll nach den gesetzlichen
Vorschriften der Waldbestand erhalten bleiben. Auf den 20.000 ha bereits bestehenden
Weidelandes leben ungefähr 23.000 Tiere. Nach einer Presseverlautbarung des
brasilianischen VW-Werkes vom 9.2.1979 wurden 115 Kilometer Straßen und Zufahrtsstrassen,
450 Kilometer Drahtumzäunung, ein Sägewerk und ein Flugplatz errichtet. Ferner
entstanden, wie aus dem Geschäftsbericht 1978 zu entnehmen ist, 4800 qm Bauten
für Betriebs- und Wohnzwecke sowie eine eigene Schule für die Kinder der
Betriebsangehörigen sowie eine Sanitäts-Ambulanz, Einkaufsgelegenheiten und ein
Sportclub. Aber dieses schöne Projekt hat auch seine Schattenseiten: So will VW
der Pressemitteilung vom 9.2.1979 zufolge unter Leitung der Hamburger Firma
Plambeck zusammen mit sieben anderen Viehfarmen einen Schlachtbetrieb mit
angeschlossenen Kühlhallen bauen, der rund 50 Millionen US-Dollar kosten soll und
dessen Anfangskapazität bereits bei 660 Rindern pro Tag liegt. Die Hauptprodukte
aber, "Corned Beef", Fleischextrakt und vakuumverpacktes Gefrierfleisch, sollen
nicht etwa der hungernden Bevölkerung des brasilianischen Ostens zugute kommen,
sondern sind für den Export in die EG-Länder, die Vereinigten Staaten und den
Nahen Osten gedacht. Und das geschieht in einer Zeit, wo der brasilianische
Fleischimport für 1978 bei rund 250.000 Tonnen lag. Das steht in eindeutigem
Widerspruch zur Aussage des VW-Werkes, "Entwicklungshilfe im besten Sinne" zu
leisten und sich seiner sozialen Verantwortung bewusst zu sein. Hierbei geht es
nur noch darum, auf dem Weltmarkt möglichst hohe Profite für das Fleisch zu erzielen.
Dieses jedoch bleibt nicht der einzige wunde Punkt bei diesem Projekt. So schreibt
VW do Brasil in seiner schon oben erwähnten Presseverlautbarung: "Weiterhin forscht
die Companhia Vale do Rio Cristalino zur Zeit nach wirtschaftlich möglichen Lösungen
für eine industrielle Nutzung des Waldbestandes. Neben dem Problem der großen
Entfernungen von den Absatzmärkten gibt es noch eine andere Schwierigkeit: Im
Gegensatz zum Süden Brasiliens ist der Wald im Süden des Bundesstaates Para äußerst
heterogen. So kann man pro Hektar im Durchschnitt zwar mit 120 Stämmen rechnen -
ca. 60 Kubikmeter Holz - jedoch von bis zu 40 verschiedenen Arten." Bisher scheint
man sich allerdings nicht allzu sehr um die Nutzung des Holzes bemüht zu haben.
Wie aus einem Bericht der Neuen Züricher Zeitung vom 3.8.1976 hervorgeht, wurde
das brasilianische Waldentwicklungsinstitut durch Satellitenfotos auf Waldbrände
großen Ausmaßes aufmerksam, die auf dem von VW erworbenen Gebiet tobten. Daraufhin
forderte das Institut von VW Rechenschaft, da die seiner Ansicht nach nötige
Genehmigung zur Abholzung bei ihnen nicht eingeholt worden war. VW antwortete,
dass nach seiner Ansicht für die bis zu jenem Zeitpunkt vernichteten 9.500 ha Wald
die Genehmigung des Gesamtprojektes durch die für die Entwicklung des Amazonasgebietes
zuständige Behörde "Superintendencia do Desenvolvimento da Amazonia - SUDAM" ausreichend
sei. Diese Behörde, die neben Projekten zur Erschließung von Bodenschätzen bereits
342 Projekte aus dem Bereich der Vieh- und Landwirtschaft mit einer Fläche von rund
7 Millionen ha mit 4,2 Mrd. Cruzeiros gefördert hat, wurde 1966 gegründet. Ihre
Aufgabe ist die wirtschaftliche Planung, Kontrolle und Koordination aller Großprojekte
im Amazonasgebiet, die von der brasilianischen Bundesregierung unterstützt werden.
Die Behörde hat die Möglichkeit, für solche Projekte Steuervergünstigungen zu gewähren,
was sie, wie schon oben erwähnt, in ausgiebigem Maße getan hat. Auch von den bis
Anfang 1979 in die Companhia Vale do Rio Cristalino eingebrachten Geldmitteln im
Gesamtumfang von 225,9 Mio. Cruzeiros kamen 146,3 Mill. aus steuerbegünstigten
Investitionen, die ihrerseits aus Aktivitäten von VW do Brasil stammten. Angesichts
dieses starken finanziellen Engagements der brasilianischen Regierung haben ökologische
Gegenargumente gegen solche Projekte kaum Gewicht.
Auf einem anderen Gebiet jedoch müssen sich die sonst so cleveren Rechner im
brasilianischen VW-Werk total vertan haben. Schreiben sie in ihrer Pressemitteilung
vom 9.2.1979: 'Das Projekt der Companhia Vale do Rio Cristalino kommt der brasilianischen
Regierungspolitik entgegen, welche die Besetzung der 'Amazonas Leere' - weniger
als 2 Bewohner pro qkm – anstrebt', so kann man im Geschäftsbericht von 1978
lesen 'das Unternehmen beschäftigte am Jahresende 1978 insgesamt 238 Mitarbeiter,
von denen 220 auf dem Landwirtschaftsprojekt arbeiten. Zusammen mit den
Familienangehörigen lebt mittlerweile eine Gruppe von rund 700 Menschen auf dem
Landwirtschaftsprojekt'.
Bei einer Gesamtfläche von 140.000 ha entspricht das einer Bevölkerungsdichte
von 0,5 Einwohner pro qkm. Da sich auch bei einer Erhöhung der Weidefläche von
heute 20.000 auf 70.000 ha im Jahre 1985 bei einer arbeitsextensiven Wirtschaftsreform
wie der Viehzucht die Zahl der auf diesem Projekt lebenden Menschen nicht oder
nur geringfügig erhöhen dürfte, wird das Projekt auch unter diesem Gesichtspunkt
für die brasilianische Regierung und ihre angeblichen Ziele ein Fehlschlag werden.
Angesichts solcher 'zukunftsweisender' Projekte ist es kein Wunder, wenn nicht
nur bei der brasilianischen Presse und Bevölkerung, sondern selbst in den Ministerien
von Brasilia neben dem Bild des 'hässlichen Amerikaners' nun auch das Bild des
'hässlichen Deutschen' getreten ist. Die Sätze der Pressemitteilung von VW do
Brasil ('Diese Strategie, die private Initiative mit der Entwicklungspolitik der
Regierung zu verbinden, ist sehr erfolgreich - dies beweist die Freigabe von 545
wirtschaftlichen Projekten auf den Gebieten der Landwirtschaft, Viehzucht, Industrie
usw. und stellt Investitionen von über 17 Mrd. Cruzeiros dar.') klingen für viele
Brasilianer wie Hohn. Unter diesem Gesichtspunkt wird verständlich, dass man in
deutschen diplomatischen Kreisen in Brasilia dieses Projekt im Sinne eines guten
Verhältnisses zwischen den beiden Staaten lieber heute als morgen von der Bildfläche
verschwinden sähe. Es bleibt zu hoffen, dass auch die brasilianische Regierung in
diesem Punkt ihre Politik noch einmal überdenkt und dann revidiert; dieses jedoch
zu erwarten, hieße: an politische Wunder glauben.
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